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„Die weiblichen Vorbilder fehlen“


Welche Handlungsfelder beschäftigen Sie derzeit intensiv?Petra Tzschoppe: Es sind die strategischen Eckpunkte für die gleichstellungspolitische Arbeit im Deutschen Olympischen Sportbund, die wir im Vorjahr auf der Frauen-Vollversammlung beschlossen haben. Dazu wurden vier Handlungsfelder benannt, die sich auch an europaweiten Aktivitäten orientieren.

Welche Handlungsfelder beschäftigen Sie derzeit intensiv?

Petra Tzschoppe: Es sind die strategischen Eckpunkte für die gleichstellungspolitische Arbeit im Deutschen Olympischen Sportbund, die wir im Vorjahr auf der Frauen-Vollversammlung beschlossen haben. Dazu wurden vier Handlungsfelder benannt, die sich auch an europaweiten Aktivitäten orientieren. Diese Themen, in denen wir nun in den nächsten Jahren besonders aktiv sein werden, sind: Mehr Frauen in Führungspositionen im Sport zu bringen, der Kampf gegen sexualisierte Gewalt, das Gewinnen von mehr Trainerinnen und Kampfrichterinnen sowie eine geschlechtergerechte Darstellung in den (Sport)Medien zu erreichen.

Stehen die Themen alleine oder sind sie verknüpft zu bearbeiten?

Tzschoppe: Es bestehen sehr viele Verknüpfungen und vor allem stehen sie in Bezug zu wichtigen Herausforderungen der Sportentwicklung. Es geht also keineswegs darum, dass Frauen „auf ihrer Spielwiese“ etwas für Frauen im Sport tun, sondern vielmehr darum, Probleme von Vereinen und Verbänden im Sport zu lösen. Das geht nur gemeinsam mit den Männern. So haben wir auch für unsere Arbeitsgruppen die Geschlechterquote des DOSB konsequent angewendet und mindestens je zwei Männer berufen. Insgesamt waren bei dieser Vollversammlung so viele Männer wie noch nie aktiv beteiligt.

Wie ist denn die Lage bei den Trainerinnen und Kampfrichterinnen?

Tzschoppe: Nach bisherigen Analysen liegt der Anteil von Frauen bei den Trainerinnen und Kampfrichterinnen in Deutschland bei nicht einmal 15 Prozent. Es fällt auf, dass Männer als Trainer allgegenwärtig sind. Hingegen finden Sie zwar gelegentlich Frauen, die von Frauen trainiert werden. Aber wo bitte sind sie bei den Männern? Dabei haben wir Schwierigkeiten, qualifiziertes Trainerpersonal zu finden. Mitunter werden sogar Spieltage abgesagt, weil Schiedsrichter fehlen. Was also liegt näher, diese Lücken zu schließen, in dem man viel mehr als bisher gezielt Frauen gewinnt. Hier liegt ein großes Potenzial.

Was für Ideen gibt es denn bisher, um mehr Trainerinnen und Kampfrichterinnen zu gewinnen?

Tzschoppe: Wichtig ist zunächst, Barrieren wie auch unterstützende Faktoren zu kennen. So werden etwa männliche Sportler während ihrer aktiven Zeit häufiger angesprochen und motiviert, doch später den Trainerberuf zu ergreifen. Bei Sportlerinnen geschieht dies bisher selten. Und wenn im Sprachgebrauch oft nur von den Trainern gesprochen wird, trägt auch das zur Verfestigung des gängigen Bildes vom „Männerberuf“ bei.

Aber gibt es denn konkrete Hilfe beim DOSB?

Tzschoppe: Ja, wir haben zum Beispiel ein sehr gutes Mentoring-Programm, mit dem wir ehemalige Spitzensportlerinnen nach der Karriere unterstützen, ihren Weg in Richtung Führungspositionen, Kampfrichter- oder Trainerposten erfolgreich einzuschlagen. Dazu bilden wir Tandems mit erfahrenen Mentorinnen und Mentoren. Wir möchten aber auch bei Ausbildungsgängen im Sportbereich dahin kommen, dass gezielt Frauen geworben werden. Und warum sollten Förderprogramme für Verbände nicht auch davon abhängig sein, dass diese entsprechend gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern umsetzen?

Aber ist es denn ausgeschlossen, dass es schlicht weniger Frauen gibt, die überhaupt in derartige Position wollen?

Tzschoppe: Nein, das ist es nicht. Bisher streben tat­sächlich weniger Frauen diese Positionen an. Das liegt aber auch daran, dass es nur wenige weibliche Vorbilder gibt. Zudem wird nicht nur von anderen die Kompetenz von Frauen in Frage gestellt, viele Frauen zweifeln auch selbst, da sie häufig sehr viel kritischer mit sich und ihren Fähigkeiten ­umgehen. Und hier berührt das Thema auch die Medien, denn diese berichten deutlich weniger über Frauen im Sport als über ihre männlichen Konterparts. Schon für Mädchen ist es damit viel schwerer, Sportlerinnen und damit weibliche Vorbilder überhaupt zu ­sehen. Leider ebenfalls nicht auszublenden ist das Thema sexualisierte Gewalt. Psychische und physische Grenzverletzungen und Übergriffe können Ursache dafür sein, dass Frauen ihren Weg nicht weiter gehen.

Welche Zahlen gibt es, um das Problem der sexualisierten Gewalt zu beleuchten?

Tzschoppe: Bisher liegen nur wenige empirische Daten vor. Aktuell gibt es in Deutschland die aktuelle Studie „Safe Sport“ für den Spitzensport. Reichlich ein Drittel der befragten Sportlerinnen und Sportler hat Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt gemacht, wobei es um alle Formen geht, angefangen bei verbalen Belästigungen. Athletinnen sind häufiger betroffen, die Täter sind überwiegend männlich. Da unterscheidet sich Sport nicht von anderen gesellschaftlichen Kontexten. Wir brauchen weitere Studien, auch im Breitensport.

Ist das Problem altersübergreifend oder primär in der Jugend zu finden?

Tzschoppe: Die Präventionsprogramme sind primär in der Sportjugend angesiedelt, die da auch hervorragende Arbeit leistet. Doch das genügt nicht, denn das Problem betrifft jede Altersgruppe. Und auch bei Führungspositionen kann es eine Rolle spielen, wenn etwa durch Altherrenwitze oder fragwürdige Kommentare eine Atmosphäre erzeugt wird, in der sich Frauen unwohl fühlen. Diese Themen werden leider gern bagatellisiert oder sogar negiert.

Das Gespräch führte Gerald Weßel. Erschienen am 09.10.2017 im Weser Kurier.
Bild: Andrea Bowinkelmann