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Ehrenamt am Limit?!

von links: Moderator Jürgen Becker, Dolmetscher Ayadurai Ragunathan, Sportministerin Christina Kampmann, LSB-Präsident Walter Schneeloch, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege NRW Andreas Johnsen


Eigentlich bräuchte es ein eigenes „Ministerium für das Ehrenamt in NRW“. Mit Ministerin oder Minister, mit Staatsekretär und vielen Mitarbeitern zur Unterstützung der über fünf Millionen Freiwilligen in unserem Land. Das war die einhellige Meinung auf der Veranstaltung „Refugees Welcome – Ehrenamt am Limit“ Ende März in Düsseldorf. Eingeladen hatte die „Plattform zur Stärkung des bürgerschaftlichen Engagement in NRW“. Diesem Zusammenschluss gehören neben dem Landessportbund NRW weitere 13 Organisationen wie z. B. das Deutsche Rote Kreuz oder die AWO an.
 
Wie die vielen Ehrenamtler aus dem Stand heraus 2015/2016 den Ansturm der Flüchtlinge bewältigten: beindruckend!  Ohne deren Engagement wäre wahrscheinlich einiges zusammengebrochen – ja man kann sagen, ohne deren Einsatz wären chaotische Verhältnisse die Folge gewesen. Jetzt aber zeigen sich doch viele Verschleißerscheinungen – ehemals sehr Engagierte geben auf. So wird immer deutlicher, dass das Ehrenamt ohne professionelle Unterstützung überfordert ist. Dies wussten viele Praktiker unter den ca. 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu berichten.
 
Wie der Aufbau hauptberuflicher Strukturen dem entgegen wirken kann, schilderte LSB-Präsident Walter Schneeloch: „Wir haben mit Unterstützung der Landesregierung ein flächendeckendes Netz mit Fachkräften `Flüchtlingsarbeit/Integration` aufgebaut. Sie stehen den Ehrenamtlichen jetzt zur Seite. „Es geht ja nicht nur darum, den Sportbetrieb für Flüchtlinge zu organisieren. Die Ehrenamtler helfen ja auch bei Behördengängen, bei Sprachschulungen oder Kinderbetreuung. Das wird irgendwann auch zu einem zeitlichen Problem.“ Schneeloch schilderte, dass der LSB über 1.200 Vereine in der Flüchtlingshilfe finanziell unterstützt.

Die Idee, ein eigenes  - weiter oben erwähntes - Ehrenamtsministerium zu gründen, hatte Gabriele Schmidt, Geschäftsführerin der Plattform formuliert. Diesen Gedanken nahm Christina Kampmann, NRW-Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport gerne auf. Ehrenamt sei in allen Ressorts ihres Ministeriums Thema. Kampmann hob besonders die Leistung des Sports hervor: „Der Sport hat den hilfebedürftigen Menschen in einer für sie völlig ungewohnten Umgebung auch ein Stück Alltag gegeben. Ich bin beeindruckt, mit welch unglaublichen Engagement alle mit angepackt haben.“

„Oft ist die Arbeit mit Flüchtlingen ja auch psychisch belastend"
 
Andreas Johnsen, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege NRW, hob hervor, dass es auch eine Fürsorgepflicht für Ehrenamtler gebe. „Oft ist die Arbeit mit Flüchtlingen ja auch psychisch belastend. Viele der Geflüchteten haben Dinge erlebt, die es hier nicht mehr gibt. Da die Helfer damit konfrontiert sind, brauchen sie Unterstützung – z. B. durch Supervision. Sie müssen durch Hauptberufler begleitet werden.“
 
Es gebe – so Johnsen – mittlerweile auch rassistische Stimmungen in der Bevölkerung. Und damit seien die Freiwilligen ebenfalls konfrontiert. „Die sozial Abgehängten sind natürlich empfänglich für Gerüchte, dass die Flüchtlinge quasi als Begrüßungsgeld 10.000 Euro bekommen würden. Es gibt Sozialneid! Da muss viel Aufklärungsarbeit geleistet werden!“
 
Ayadurai Ragunathan schilderte aus der Perspektive eines Betroffenen, wie schwer es ist, in Deutschland Fuß zu fassen, 1980 aus Sri Lanka geflüchtet, arbeitet er heute als Übersetzer z.B. an einem Oberlandesgericht. „Ich bin den Helfern noch heute dankbar. Ein  Bespiel: Wir hörten damals oft, wir seien nicht willkommen, das Schiff sei voll. Ehrenamtliche haben uns dann aufgeklärt, dass das nicht die Grundstimmung in Deutschland sei, sondern nur einige Stimmen. Der Anfang war furchtbar und ohne die Unterstützung von guten Menschen wäre ich bestimmt sehr krank geworden.“
 
Text: Theo Düttmann
Foto: Andrea Bowinkelmann