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Keine Sportkarriere ohne Verletzungen

05.05.2017

von links: Claus Lufen, Dr. Ulrich Kuhl, Dr. Bernd Lasarzewski, Linda Stahl, Heiner Preute, Oskar Deecke und Michael Kasch


„Es geht nicht ohne Verletzungen im Spitzensport. Die Überlegung bei mir war, ob ich mich während der aktiven Karriere operieren lasse und ein Jahr ausfalle oder einfach unter  Schmerzen weitermache. Letzteres habe ich gemacht“, berichtete Linda Stahl, Europameisterin im Speerwurf 2010, auf der LSB-Veranstaltungsreihe „Klartext Spitzensport NRW“ Anfang Mai in Duisburg.

Unter dem Motto „Kopfsache Körper: Verletzungen als unvermeidliches Erfolgsrisiko?“ diskutierten neben Linda Stahl Hockey-Olympiasieger Oskar Deecke,  Dr. Bernd Lasarzewski (Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie der Sportklinik Hellersen,  Dr. Ulrich Kuhl (Sportpsychologe am Olympiastützpunkt Rhein-Ruhr), Michael Kasch (Landestrainer Leistungssport im Westdeutschen Basketball-Verband) und Heiner Preute (DLV-Bundestrainer, Athletiktrainer).

 „Die Trainingsintensität gerade in der Spitzen-Leichtathletik ist deutlich erhöht. Dementsprechend ist natürlich auch das Verletzungsrisiko gestiegen. Schon im Nachwuchsbereich muss es das Ziel sein, die Belastungsverträglichkeit auf eine breite Basis zu stellen. Wir sind inzwischen sehr vorsichtig geworden. Sobald `Irritationen` von den Athleten festgestellt werden, sind sie mittlerweile so feinfühlig, dass sie sofort Rückmeldung geben“, erläuterte Heiner Preute.

Den Sportler vor sich selbst schützen

Es sei nicht Aufgabe des Trainers, darüber zu entscheiden, wann ein Spieler eingesetzt werden könne. Dies sei letztendlich in der Hoheit der betreuenden Mediziner, stellte Dr. Bernd Lasarzewski fest. „Ich kenne Sportler, die erzählen komplett andere Dinge als ein Mediziner sehen oder glauben kann.   Da muss man die Sportler auch manchmal vor sich selbst schützen – im jugendlichen Bereich noch viel mehr als bei den Erwachsenen.“ Natürlich sei es besonders kritisch, wenn ein verletzter Athlet vor dem absoluten Höhepunkt seiner Karriere stehe. „Da arbeiten wir als Mediziner intensiv mit, dass der Sportler noch rechtzeitig fit wird. Aber das hat Grenzen“, so der Mannschaftsarzt der Frauen-Fußball-Nationalmannschaft.

Wenn jemand sich heute verletze, dann habe das unterschiedlichste Konsequenzen. Im Profibereich stehe u. U. die Frage im Raum, ob ein Vertrag verlängert werde oder nicht. So die Einschätzung von Ulrich Kuhl. „Gerate ich vielleicht aus dem Blickfeld? Wie gehe ich mit mir selbst um? Wie kann ich die Zeit unter psychologischen Aspekten sinnvoll nutzen? Bei solchen Fragestellungen könne die Sportpsychologie unterstützen.

Kreative Methoden sind gefragt

„Ich gehe soweit zu sagen, dass vom Sportler sogar schwerwiegende Verletzungen verschwiegen werden, nur um den Erfolg nicht zu gefährden“, so Oskar Deecke. Er schilderte an seiner Person die Doppelbelastung aus Beruf und Training/Wettkampf: „Ich hatte manchmal überhaupt keine Regenerationszeiten und fühlte mich körperlich und mental ausgelaugt.“ Da seien Verletzungen vorprogrammiert und man müsse aus so einer Stresssituation schnellstmöglich aussteigen.

Michael Kasch hob die Bedeutung des Grundlagentrainings im Jugendbereich hervor: „Die Kinder sind nicht mehr so viel draußen. Das hat Konsequenzen im koordinativen Bereich, in der Beweglichkeit und in der Ausdauer. Es gibt große Defizite, die im Training aufgearbeitet werden müssen. Hier müssen wir kreative Methoden anwenden. Warum nicht auch einmal eine Tanz-Trainingseinheit für Basketballer?“
Last but not least betonte David Schulz, Geschäftsführender Vorstand der Stiftung „Sicherheit im Sport“, dass viele wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Sportunfallforschung noch nicht gänzlich in der Spitzensportpraxis angekommen seien. „Das Team rund um den Athleten muss  hier noch besser aufgestellt sein.“

Text: Theo Düttmann
Foto: Andrea Bowinkelmann