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"Man gestaltet seine Engagementkarriere flexibler"


Der Landessportbund NRW hat Professor Dr. Sebastian Braun, Humboldt-Universität zu Berlin, gebeten, die Ehrenamtsinitiative wissenschaftlich einzuordnen und zu bewerten. „Wir im Sport“ im Interview mit dem Sportsoziologen.

Herr Professor Dr. Braun, eine Gesellschaft ohne bürgerschaftliches Engagement – ist das überhaupt vorstellbar?

Prof. Dr. Sebastian Braun: Eine demokratische Gesellschaft lebt von Bürgerinnen und Bürgern, die sich aktiv an der Suche nach Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen beteiligen und die sich dabei im „vorpolitischen Raum“ wie z.B. den vielen lokalen Vereinen bürgerschaftlich engagieren. Es geht um die praktische Ausgestaltung von Meinungs- und Versammlungsfreiheit in einer lebendigen Zivilgesellschaft.  Insofern ist Demokratie ohne Beteiligung der Menschen eigentlich nicht denkbar.

Dennoch hört man oft, es gäbe eine Krise des Ehrenamts…

Prof. Dr. Braun: Dieser Krisendiskurs, der seit vielen Jahrzehnten auch die Sportvereinsforschung durchzieht, macht uns darauf aufmerksam, dass es für viele traditionelle Verbände mit ihren Vereinen an der lokalen Basis immer schwieriger wird, Mitglieder für Ämter und Funktionen zu gewinnen und langfristig daran zu binden. In jüngerer Zeit wird aber auch folgende Frage immer intensiver diskutiert:  Wie kann das Passungsverhältnis zwischen den ehrenamtlichen Aufgaben in den Sportvereinen mit den Erfahrungen und Wünschen Mitgliedern, die für ein Ehrenamt bereit sind, systematischer aufeinander abgestimmt werden?

Könnten Sie das konkreter fassen?

Prof. Dr. Braun: Nehmen wir eine junge Frau oder einen jungen Mann, die bzw. der in Elternzeit ist. Der- oder diejenige wäre gerne bereit, sich in die Kleinkindaktivitäten eines Sportvereins einzubringen. Für eine bestimmte Zeit. Oder nehmen Sie einen Informatikstudenten, der gerne seine erworbenen Kompetenzen zum Aufbau von Vereinsdatenbanken in einem Projekt anwenden möchte, dann aber im weiteren Verlauf seines Studiums ein anderes passendes Projekt vielleicht auch in einer anderen Organisationen machen möchte. In Fachdiskussionen nennen wir das „biografische Passung“.

Also Ehrenamt To go?

Prof. Dr. Braun: Diese Formulierung finde ich nicht richtig. Aber es geht für immer mehr Engagierte in Richtung „Projektarbeit“ mit einer inhaltlich und zeitlich begrenzten Perspektive. Nach einer gewissen Zeit entscheidet man neu. Man gestaltet seine Engagementkarriere flexibler auch vor dem Hintergrund immer beschleunigterer und zeitlich verdichterer Anforderungen in allen möglichen Lebensbereichen unseres alltäglichen Handelns.

Geht das nicht aber mit einer viel größeren Fluktuation in den Vereinen einher?

Prof. Dr. Braun: Um das zu vermeiden, ist das Management der Sportvereine gefragt. Hier genau setzt eine zentrale Idee der Ehrenamtsinitiative des Landessportbundes NRW an. In den Strukturen des Sportvereins sollen Ehrenamtsmanagerinnen und -manager etabliert werden, die sich z.B. um Aufgabenbeschreibungen, zielgruppenbezogene Gewinnung, Einsatz, Qualifizierung und Karrieren der freiwillig und ehrenamtlich Engagierten kümmern. Eine sinnvolle Sache!

Könnte man in Begriffen wie „Altes Ehrenamt“ und „Neues Ehrenamt“ denken?

Prof. Dr. Braun: Als analytische Idealtypen kann man das „alte“ und „neue Ehrenamt“ gegenüberstellen, man sollte sich dabei aber von Wertungen fern halten. Die Figur des „alten Ehrenamtlichen“ ist auch künftig zentral für die Vereinsarbeit: Sie nimmt dauerhaft Funktionen und Ämter wahr – und das auch dann, wenn die persönliche Kosten-Nutzen-Kalkulation einmal negativ ausfällt, denn die Identifikation mit den „Farben des Vereins“ ist bei diesem Typus ausgesprochen hoch.
Und projektbezogen organisieren sich kurzfristiger engagierte Zeit- und Wissensspendende, die in den Projekten auch neue Ideen und Lösungsansätze in die Vereinsarbeit einbringen können. Für die vielfältigen Engagementtypen gute und passende Angebote vorzuhalten und ihre Kompetenzen miteinander zu verzahnen ist aber eben auch für das Ehrenamtsmanagement eine anspruchsvolle Aufgabe.

Interview: Theo Düttmann
Foto: Andrea Bowinkelmann