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„Wir brauchen mehrere Hüte“


Gundolf Walaschewski, Präsident des Fußball- und Leichtathletik-Verbandes Westfalen (FLVW), ist Sprecher der Verbände. Der 64-Jährige studierte evangelische Theologie und war Mitarbeiter eines SPD-Bundestagsabgeordneten. Über eine langjährige Laufbahn als Schiedsrichter wuchs er ins Ehrenamt, das ihn dann ins höchste Amt des FLVW führte.

Sie selbst kommen aus dem Fußball. Eine echte Macht in der Sportfamilie. Teilen Sie die Meinung, dass der Fußball zu dominant ist?

Gundolf Walaschewski: Das ist für den Präsidenten eines Fußballverbandes – in seiner Funktion als Sprecher der Verbände - eine unangenehme Frage. Aber jenseits der persönlichen Betroffenheit stimme ich dem zu. Ich finde, dass vor allem die mediale Präsenz des Fußballs ein Problem darstellt. Inzwischen sind ja nicht nur die Bundesligen dauernd im Fokus, sondern das geht ja runter bis in die unteren Ligen, bis in die vierte oder fünfte Spielebene. Das führt zu einer Art „Sportdarwinismus“. Sportarten, die nicht so zuschauerträchtig sind, werden einfach von der Bildfläche gefegt. Eine zu starke mediale Präsenz des Fußballs führt zu einer Verödung der Sport- und auch zu einer Verarmung der kulturellen Landschaft.

Sprecher der Verbände, das ist „nicht ohne“. Was hat Sie dazu bewogen, diese Aufgabe zu übernehmen?

Walaschweski: Die Fußballverbände mit ihren 1,7 Mio. Mitgliedern haben aufgrund ihrer schieren Größe eine große Verantwortung für die Sportentwicklung. Ich hatte nicht immer das Gefühl, dass der Fußball auf der Führungsebene des organisierten Sports in NRW hier angemessen repräsentiert war. Deshalb habe ich mich um dieses Amt beworben.

Das hört sich ein wenig so an, als würden Sie – natürlich auch aus ihrer Position als Präsident des FLVW - in erster Linie die Interessen des Fußballs vertreten?

Walaschewski: Nein - natürlich nicht. Klar, der Fußball ist ein starker Vertreter seiner eigenen Interessen. Aber als Sprecher der Verbände habe ich einen globalen Blick, es geht um einen Interessenausgleich der kleinen, mittleren und großen Verbände. Wissen Sie, ich bin Theologe, schon daher habe ich insbesondere einen Blick für die, die nicht so im Licht stehen. Auch im Sport.  

Kriegt man die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut?

Walaschewski: Das glaube ich nicht. Ein Hut wird da nicht reichen, um im Bild zu bleiben. Wir erleben im Moment, dass sich einige Verbände gegenüber dem Landessportbund NRW und anderen Gremien der (Sport)Politik stärker artikulieren wollen. Früher gab es da eher das Konzept, dass sich die großen und kleinen Verbände jeweils zusammentaten. Heute erscheint es mir sinnvoller, Interessenbündelungen zu bilden. Verschiedene Sportarten – wie z.B. die Natursport- oder die Spitzensportverbände – kommen miteinander ins Gespräch und bilden Gemeinschaften.

Geht es auch um die Verteilung von Geldern?

Walaschewski: Wissen Sie, es geht immer um die Verteilung von Geldern. Da sind die Leistungssport treibenden Verbände bevorteilt, weil sie höhere Fördermittel bekommen. Aber die Mittel reichen auch hier nicht aus, um effektiv von unten nach oben arbeiten zu können. Die einen kämpfen um Spitzensportförderung, die ist teuer. Die anderen kämpfen beispielsweise „nur“ um das Geld für Trainer, die über Fördermittel qualifiziert werden können.

Was sind die großen Herausforderungen, vor denen die Verbände stehen?

Walaschewski: Der Mitgliederschwund ist ein großes Thema, der demografische Wandel, die Gewinnung von ehrenamtlichen Mitarbeitern – vor allen Dingen von jüngeren Menschen – sind andere. Die Entwicklung zeitgemäßer Sportangebote und der Neubau und die Sanierung von Sportstätten stehen auf der Agenda. Interessant ist, dass diese Bereiche auch sehr miteinander zusammenhängen. Beispiel Mitgliederschwund: der hat mit dem demografischen Wandel, mit der Entwicklung von Sportangeboten genauso zu tun wie mit der Situation der Sportstätten in unserem Land. Ein komplexes Phänomen…

Viele Probleme sind aber gar nicht durch die Verbände allein zu lösen…

Walaschewski: Das stimmt. Da ist der organisierte Sport insgesamt gefragt. Beispiel Sportstätten. Im Zusammenspiel mit der Kommunalpolitik sind eher die Bünde gefragt. Wir befinden uns daher – insbesondere über das Gremium der „Ständigen Konferenz der Bünde und Verbände“ in einem sehr engen Austausch.  Und das ist auch gut so…


Interview: Theo Düttmann
Foto: Andrea Bowinkelmann