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"Wir brauchen professionelle Strukturen und weniger Bürokratie"


Eine Welt ohne Strom: Ist das vorstellbar? Die Suppe würde auf dem Feuer gekocht, abends wäre es stockduster – zu Hause und unterwegs. Ähnlich verhält es sich beim Ehrenamt. Der Sport ohne bürgerschaftliches Engagement – das sähe ebenfalls duster aus. Dass dieses Szenario noch nicht einmal im Ansatz in den Bereich des Möglichen rückt, hat sich der Landessportbund NRW mit seiner neuen „Ehrenamtsinitiative“ auf die Fahnen geschrieben. Der Startschuss fiel am 5. Dezember in Duisburg.
 
„Mehr als 2.500 Vereine in NRW geben an, dass die Bindung und Gewinnung von ehrenamtlichen Funktionsträgern ein existentielles Problem für sie darstellt. Wenn diese Problematik zukünftig nicht erfolgreich vom organisierten Sport angegangen wird, kann man davon ausgehen, dass sie für die Sportvereine irgendwann zu einer Art Überlebensfrage werden kann. Das ist ein Hauptgrund für uns, die Initiative zu ergreifen“, erklärte LSB-Präsident Walter Schneeloch in der Schauinsland-Reisen-Arena.
 
Ziel der Initiative ist die Bindung und Gewinnung von Ehrenamtlichen vor dem Hintergrund stark veränderter Rahmenbedingungen. Die demografische Entwicklung, veränderte Lebensstile, erhöhte Mobilität und sich wandelnde Wertvorstellungen üben Druck auf die traditionelle Vorstellung von Ehrenamt aus. Das Projekt hat eine Laufzeit bis 2022 und wird von der Landesregierung unterstützt. Andrea Milz, NRW-Staatssekretärin „Sport und Ehrenamt“: „Wir brauchen eine Stärkung des Ehrenamts für ganz NRW und für viele Institutionen. Da passt die Initiative des LSB NRW wunderbar. Wir brauchen professionelle Strukturen im Ehrenamt. Dieses muss entlastet werden, z.B. durch einen Abbau der Bürokratie.“
 
Im Rahmen der Initiative sollen vom LSB NRW ausgebildete Ehrenamtsberater die Vereine vor Ort unterstützen. Die Vereine werden ermutigt, Ehrenamtsmanagern, vergleichbar mit Personalverantwortlichen in Unternehmen, eine feste Position (z. B. im Vorstand) zu geben. Darüber hinaus steht eine ehrenamtsfreundliche Organisationskultur auf der Agenda. Ebenso werden in Zukunft Vereinsberatungen zum Thema “systematische Ehrenamts-/Engagementförderung“ angeboten.

Das Ehrenamt im Wandel

Weitere Ziele sind der Aufbau eines systematischen Ehrenamtsmanagements in den Vereinen, die Förderung von Wertschätzung in der Gesellschaft sowie begleitende PR und Marketingprojekte. Bereits bestehende Maßnahmen wie professionelle Informations-, Beratungs-, Schulungsangebote, Personalmanagement und Mentoringprogramme sowie die Vergabe von Stipendien für junges Ehrenamt werden in die Initiative integriert.
 
Hintergrund der Maßnahme ist dass, was Wissenschaftler seit langem konzedieren. Sie stellen einen Wandel vom “alten” zum “neuen” Ehrenamt im 21. Jahrhundert fest. Während das “alte” Ehrenamt von dauerhafter Bindung an die Organisation, Selbstlosigkeit und Fürsorge geprägt war, ist das „neue“ Ehrenamt zeitlich befristet und tätigkeitsorientiert. Also „Ehrenamt To go“? „Das finde ich ein bisschen überspitzt formuliert. Aber natürlich geht es mehr in Richtung `Projektarbeit`. Nach einer gewissen Zeit entscheidet man neu. Man gestaltet seine Ehrenamtskarriere flexibel“, erklärt Professor Sebastian Braun von Humboldt Universität Berlin, der im Auftrag des LSB NRW ein Gutachten zur Initiative erstellt hatte.
 
Weitere Informationen: Landessportbund NRW, Anne.Ganzelewski@lsb.nrw, Telefon: 0203 7381 -882, Internet: www.sportehrenamt.nrw
 
Text: Theo Düttmann
Fotos: Andrea Bowinkelmann