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„Wir wollen 40 Millionen mehr für den Sport“


Herr Schneeloch, welche Schulnote würden Sie NRW im Fach Sport geben?
Walter Schneeloch: Ausreichend. Ich will jetzt nicht noch tiefer gehen. Das ist das Problem von Schulnoten - wenn man es anders interpretiert, könnte man auch sagen, ausreichend ist ja ganz okay. Aber wenn sie heutzutage mit einer Vier aus dem Abitur gehen, können sie nicht erwarten, in einem begehrten Studienfach einen Studienplatz zu bekommen.

Klingt nicht gerade nach attraktiven Rahmenbedingungen für den Sport.

Schneeloch: Wir sind bezüglich Sportstätten vom Weltmeister abgestiegen bis zum Kreisligisten. Was die Quantität angeht, sind wir ganz gut ausgestattet in NRW. Wir brauchen aber noch mehr Platz, unser größtes Problem ist die Sanierung. Aufgrund der finanziell miserablen Situation vieler Kommunen, die in der Regel Träger der Sportstätten sind, werden diese Ausgaben oft hinten angestellt. Und die Probleme werden immer größer.

Wenn man...
Schneeloch (hebt den Arm, als würde er aufzeigen): Ich würde gerne noch mal etwas zu der Schulnote sagen. Wenn Armin Laschet (der NRW-Ministerpräsident, Anm. d. Red.) liest, der Schneeloch gibt ein Ausreichend, dann denkt er, ist ja alles okay. Nein, ist es nicht. Es gibt jede Menge zu tun.

Fehlt es dem Sport an einer starken Lobby?
Schneeloch Wir waren lange vielleicht ein wenig zu brav. Andere gesellschaftlichen Bereiche haben es besser verstanden, für sich zu werben. Ich habe die Wertschätzung für den Sport lange vermisst. Der Sport war speziell in NRW immer nur Anhängsel eines Ministeriums. Sport muss Chefsache werden, Herr Laschet hat dies erkannt und den Sport direkt in der Staatskanzlei verortet. Der Sport leistet unfassbar Wichtiges für diese Gesellschaft. Sport ist nicht nur Fußball-Bundesliga. Fünf Millionen Mitglieder sind in NRW-Vereinen aktiv. Und denen geben wir durch den Landessportbund eine starke Stimme.

Was fordern sie konkret von der neuen Landesregierung?
Schneeloch: Wir fordern einen Spielraum, um vernünftige Arbeit leisten zu können. Bei der Kultur ist es oft überhaupt kein Problem, Mittel zu bekommen. Ein Großteil der Bevölkerung bekommt aber von der Hochkultur überhaupt nichts mit. Das ist nur etwas für eine ganz elitäre Schicht. Was wir dagegen anbieten, ist unheimlich wichtig für eine sehr breite Bevölkerungsgruppe.

Der FC Schalke ist unlängst Deutscher Meister geworden.
Schneeloch (lacht): Unlängst? Das war doch 1958!

Im Fußball haben Sie Recht. Im sogenannten eSports dagegen ist der jüngste Erfolg ganz frisch. Wann wird dieses Genre Teil im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB)?
Schneeloch: Wir haben darüber schon diskutiert. Wir haben nur ein Problem, wenn wir das machen, ist ein Grundsatz in Frage gestellt: es geht uns darum, die Kinder und Jugendlichen in Bewegung zu bringen, wir wollen sie vom Computer wegbringen. Sie müssten verantwortlich mit diesen neuen Medien umgehen und noch die Zeit haben, sich zu bewegen.

Sie meinen also, die Kinder müssten verpflichtend einmal um den Block gehen, bevor sie die Kiste anschmeißen und zocken?
Schneeloch: So ungefähr. Es macht wenig Sinn, sich da wie ein Oberlehrer aufzuführen und irgendwelche Vorschriften zu fordern, über die sich die Kids kaputtlachen. Ich bin schon etwas älter, für mich ist es schwierig, so etwas als Sport zu bezeichnen. Schach ist auch Mitglied im DOSB, das hat historische Gründe. Man könnte natürlich sagen, wir beginnen nun eine neue Zeitrechnung. Wir verschließen uns dem gar nicht. Aber wie gesagt: es kann nicht sein, dass jemand sieben Stunden vor einem Rechner sitzt und dann ganz stolz seinen Eltern berichtet, wie viel Sport er heute schon gemacht hat.

Sind Sie der Meinung, dass eSports eine Chance hat, unter das Dach des DOSB zu kommen? Ja oder nein?
Schneeloch: Grundsätzlich hat es die Chance, wenn wir die Weichen so stellen, dass es in ein echtes Sportprogramm eingebettet ist. Wir dürfen nicht in Gefahr laufen, unsere eigenen Grundsätze zu verkaufen. Wir müssen die Kinder und Jugendlichen schützen. Vielleicht können wir sie über eSports auch für einen anderen Sport gewinnen.

Ja oder nein?
Schneeloch: Ja. Wenn wir aber merken, dass es keine Annäherung gibt, dann müssen wir zu einem entschiedenen Nein kommen. Wir müssen uns auch die Frage stellen, ob der Profisport, besonders der Fußball, noch richtig aufgehoben ist unter dem Dach des DOSB. Das sind in der Regel ja überhaupt keine Sportvereine mehr, sondern Aktien- oder Kapitalgesellschaften. Die Bundesligavereine lassen sich nicht mehr von uns vertreten, die haben ihre eigene Organisation mit der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Das ist eine Diskussion, die wir zurzeit führen. Öffnen wir uns den kommerziellen Anbietern? Erst vor Kurzem kam die Anfrage vom Fitnessstudio-Verband, die eine Aufnahme beantragt haben. Der Gesundheitsmarkt ist extrem umkämpft. Das ist ein gigantisches Wirtschaftsfeld.

Es gibt erneut einen Vorstoß, die Olympischen Spiele nach NRW zu holen. Was halten Sie davon?

Schneeloch: Nun, bis 2028 hat sich das IOC ja schon auf die Austragungsorte verständigt. Wir reden also über frühestens die Sommerspiele 2032. Natürlich hat NRW die idealen Möglichkeiten, so ein Großereignis auszurichten. Die Metropolregion Rhein und Ruhr bietet Möglichkeiten, die sie nirgendwo sonst in diesem Land so geballt vorfinden.

Klingt doch recht euphorisch.
Schneeloch: Sehen Sie, bis es soweit ist, vergeht noch viel Zeit. Die Entscheidung fällt ja erst 2025. Aber warum sollte man sich als Sportverband einem solchen Thema verschließen?

Die jüngste Initiative zu einer möglichen NRW-Olympiabewerbung kam von Sportvermarkter Michael Mronz, der unter anderem den CHIO in Aachen organisiert. Er hat viele politischen Entscheider zusammengebracht.
Schneeloch: Uns kennt er nicht.

Sie haben noch nicht miteinander darüber geredet?
Schneeloch: Sehen Sie, Herr Mronz versteht sein Geschäft. Er hat das Thema sehr prominent gespielt und hat ja auch in Ministerpräsident Laschet einen wichtigen Befürworter. Was etwas aus dem Blick geraten ist, wer eigentlich für das Thema zuständig ist: nämlich der DOSB entscheidet, ob und mit welcher Stadt sich Deutschland um die Spiele bewirbt.

In der Bevölkerung gibt es, das haben die vergangenen Bewerbungsversuche in Hamburg und München gezeigt, eine große Skepsis gegenüber sportlichen Großevents. Wie wollen Sie für mehr Begeisterung sorgen?
Schneeloch: Gucken Sie sich doch mal an, was zum Beispiel bei der Tour de France los war. Wenn Düsseldorf eine Bürgerbefragung gemacht hätte, ich glaube, dann hätte es keine Mehrheit gegeben, dass dieser Start am Rhein gemacht worden wäre. Deswegen stehe ich Bürgerbefragungen, was solche Themen angeht, sehr kritisch gegenüber. Wenn die Bürger bei der Elbharmonie gefragt worden wären, ob sie die wollen, mit diesem Kostenvolumen, dann glaube ich nicht, dass es einen Hamburger Bürger gegeben hätte, der dafür gestimmt hätte. Auf einmal, wo sie fertig ist, sind alle begeistert. Hamburg hätte auch große Chancen gehabt, die Olympischen Spiele zu bekommen, aber man darf auch nicht immer vor einer kleinen lauten Gruppe einknicken.

Wenn man sich die Bilder vom G20-Gipfel vor Augen führt, kann man doch vielleicht ganz froh sein, dass es anders gekommen ist.
Schneeloch: Wenn wir als Demokratie vor solchen Leuten umfallen, dann können wir einpacken. Man muss Dinge auch mal gegen Widerstände durchsetzen.

In NRW wird als Argument gerne angeführt, Olympische Spiele seien hier extrem kostengünstig, weil es fast alle Sportstätten schon gibt. Ist das aber nicht Augenwischerei - in 15 Jahren müsste vieles modernisiert oder ganz neu gebaut werden?
Schneeloch: Stimmt. So einfach ist es nicht. Das Land NRW hat bis 2025 die Chance, zu zeigen, welcher Wert auf die Sportentwicklung  insgesamt gelegt wird. Welcher Wert hat der Sport für die Politik, für die Gesellschaft in diesem Land? Das könnten sie sehr gut aufzeigen, zum Beispiel mit einem Förderprogramm, wo 200 Millionen Euro jährlich in den Sport fließen, um den Sportstätten-Sanierungsstau zu beheben. Es kann nicht nur darum gehen, Großveranstaltungen nach NRW zu holen, um zu glänzen. Es gibt auch an der Basis viel zu tun. Das ist für Michael Mronz nicht wichtig, aber für uns als Verband ist es elementar, dass die Schere zwischen Spitzen- und Breitensport nicht noch weiter auseinandergeht. Düsseldorf zeigt, wie es gehen kann. Die Stadt leistet sich nicht nur kostspielige Highlights, sondern investiert auch in die Breite.

Es gibt nun ja immerhin ein Sportministerium. Ist das nicht schon ein ziemlich deutliches Signal?
Schneeloch: Ein Anfang. Wir müssen uns nur schnell zusammen an den Verhandlungstisch setzen. Unsere Forderungen müssen – wie seit 2014 und noch bis Ende 2017 - finanziell abgesichert werden. Wir fordern 40 Millionen Euro mehr für den Sport in den kommenden fünf Jahren. Wir haben genauestens nachgewiesen, warum wir das Geld brauchen. Ein Teil davon ist für den Leistungssport, ein weiterer für Aufgaben an der Basis. Dazu gehört die Betreuung von Angeboten in Schulen und in Vereinen durch Fachkräfte, die bei unseren Mitgliedsorganisationen angestellt sind.

Also auf den Punkt gebracht: Sie fordern vom Land acht Millionen Euro pro Jahr mehr?
Schneeloch: Genau. Bisher haben wir durch den „Pakt für den Sport“ rund 45 Millionen Euro pro Jahr bekommen, vier Jahre lang, aber ohne Dynamik, das meiste davon aus Konzessionserlösen des stattlichen Lotterieanbieters Westlotto. Westlotto hat aber in den vier Jahren viel mehr an das Land ausgeschüttet. Das Geld ist also da, es müssten also noch nicht einmal mehr Steuergelder eingesetzt werden. Wenn wir profitieren, bekommen im Übrigen auch andere gemeinnützige Verbände mehr, z.B. die Wohlfahrt. Wir kämpfen nicht nur alleine für uns. Wir hätten gerne schon mit Hannelore Kraft einen erneuten Abschluss in diesem Frühjahr hinbekommen. Das wollte sie aber mit Blick auf den NRW-Wahlkampf nicht mehr.

Und wenn Sie sich nicht durchsetzen können?
Schneeloch: Dann wird der Sport offensiv und wird seine Mitglieder mobilisieren. Aber wir haben durchaus Signale bekommen, dass es keinen Anlass dafür gibt, aggressiv in die Gespräche zu gehen. Wir sind schon optimistisch, bis Ende des Jahres einen neuen Pakt für den Zeitraum von 2018 bis 2022 hinzubekommen.

Quelle: Rheinische Post vom 12.07.2017
Bild: Andrea Bowinkelmann