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„Es ist immer der Trias Sport, Ernährung und Lebensstil“

| Allgemein (LSB)

Junge Frau beim Joggen im Wald

Interview mit Neurowissenschaftler Prof. Stefan Schneider (Köln) über die wichtigsten Erkenntnisse einer neuen US-Studie.

Im Interview äußert sich der Neurowissenschaftler Prof. Stefan Schneider (Deutsche Sporthochschule Köln) über den Zusammenhang von Bewegung und dem Verlauf von Covid-Infektionen, die Notwendigkeit von schlüssigen Ideen mit guten Hygiene-Konzepten sowie die empfohlenen Werte für körperliche Aktivitäten   

Eine neue Studie aus den USA belegt erstmalig, dass Sport und Bewegung das Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-Infektion senken. Wie bewerten Sie die Aussagekraft dieser Studie?
Prof. Schneider: Die Studie wurde im renommierten British Journal of Sports Medicine (BJSM) veröffentlicht, einem führenden Journal in der Sportmedizin. Diese Tatsache allein hat bereits eine große Strahlkraft.

Das allein reicht aber nicht aus, oder?
Prof. Schneider: Natürlich nicht. Wesentlich für die Aussagekraft der Studie aus Kalifornien ist die große Teilnehmerzahl von 48.440 erwachsenen Männern und Frauen mit einer Covid-Erkrankung, die im Zeitraum vom 01. Januar bis Oktober 2020 untersucht wurden.

Wie beurteilen Sie die Datenlage?
Prof. Schneider: Schön an der Studie ist die Retroperspektive, denn man greift auf ein bereits existierendes Register mit einer riesigen Datenbank zurück. In Kalifornien ist es nämlich üblich, dass jeder Patient, unabhängig ob er stationär oder ambulant behandelt wird, gefragt wird, ob und in welcher Intensität er oder sie in den letzten zwei Monaten körperlich aktiv war. Diese Daten wurden jetzt in Relation zur Schwere des Covid-19 Krankheitsverlaufs gesetzt.

Was genau hat man in der Studie untersucht?
Prof. Schneider: Es ging um die Frage, ob regelmäßiger Sport und körperliche Aktivität vor der Covid-Erkrankung einen Einfluss auf die Schwere der Krankheit nehmen: Also, wie hoch das Risiko für einen Krankenhausaufenthalt, die Aufnahme auf die Intensivstation und die Sterblichkeit ist.

Zu welchem Schluss kommt die Studie?
Prof. Schneider: In Bezug darauf zeigen die Daten der Studie sehr schön, dass etwa ein doppelt so hohes Risiko besteht, wenn die Menschen in der Prä-Covidphase nicht körperlich inaktiv waren.

Bewegung ist nicht gleich Bewegung. Reicht es aus, einmal in der Woche einen einstündigen Spaziergang zu machen?
Prof. Schneider: Nein, definitiv nicht. Im Rahmen der Studie wurde der Bewegungsumfang analog den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO definiert. Das heißt für Erwachsene, ausreichend aktiv ist man, wenn man sich wöchentlich etwa 150 Minuten körperlich mit moderater anstrengender Intensität bewegt (grobe Faustformel hierfür: 180 minus Lebensalter, der errechnete Wert ergibt die anzustrebende Herzfrequenz während des Trainings). Man sollte schon ins Schwitzen kommen. Hinzu kommt eine gesunde Ernährung. Nur Sport allein hilft auch nicht. Es ist immer der Trias Sport, Ernährung und Lebensstil.

Welche praktischen Maßnahmen leiten Sie aus der Studie für den Sport im Corona- Lockdown ab?
Prof. Schneider: Die Studie belegt eindeutig, dass Sport nicht Teil des Problems ist, sondern der Sport Teil der Lösung ist. Natürlich ist Mannschaftssport mit engen Kontakten derzeit nicht machbar, doch Einzelsportarten sollte man wieder anlaufen lassen. Zum Glück nimmt diese Diskussion medial an Fahrt auf und man kann nur hoffen, dass die Einschränkungen bald aufgehoben werden.

Was muss jetzt passieren?
Prof. Schneider: Wir brauchen jetzt schlüssige Ideen mit guten Hygiene-Konzepten. Wir brauchen keinen Aufschrei: wir müssen mehr Sport machen. Denn wichtig ist die Botschaft, dass man sich nur dann vor verschiedenen Krankheiten schützen kann, wenn man lebenslang regelmäßig Sport treibt. Denn der Effekt, der in der Studie beschrieben wird, wurde auf Sport in der Prä-Covidphase zurückgeführt, nicht auf den Sport, den ich heute treibe.

Interview: Sabine Roters
Bild: Andrea Bowinkelmann

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