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„Noch viel Luft nach oben"

| Allgemein (LSB)

Im Rahmen der Wander-Ausstellung unserer Traineroffensive haben wir uns mit Michael Scharf, Leistungssportdirektor des Landessportbundes NRW, getroffen.

Trainer*innen bringen 120 Prozent Einsatz in einem Rund-um-die-Uhr-Job, den Applaus ernten im besten Fall ihre Athlet*innen, und das Land feiert deren Medaillen. Welchen Stellenwert haben Trainer*innen in unserer Gesellschaft?

Michael Scharf: Das Image dieses Berufs ist nicht wirklich topp. Dabei haben wir es mit Expert*innen zu tun, die junge Menschen zu Höchstleistungen auf Weltstandard vorbereiten! Viele glauben auch, es gäbe nur reiche Toptrainer und jene, die ehrenamtlich tätig sind. Reich werden höchstens Trainer der Fußballbundesliga. Davon ist eine Top-Trainerin, die eine Olympiakandidatin, etwa im Speerwerfen, betreut – und das mit befristetem Vertrag – weit entfernt. Es ist also noch sehr viel Luft nach oben.

Die schwierige Situation der Trainerschaft wird seit Jahren beklagt...

Scharf: In der Tat hat flächendeckend noch keine Professionalisierung stattgefunden. Standards anderer Berufe – wie Einstiegstarife, Aufstiegsmöglichkeiten, 39-Stunden-Woche – sind nicht üblich. Selbst beim Arbeitsamt gibt es keine Kategorie für diesen Beruf. Nun hat der DOSB ein Guidelinepapier erstellt, das alle Knackpunkte aufführt, und mit Hilfe des Bundes wurden in den letzen Jahren die Gehälter der Bundestrainer und Bundesstützpunktleiter aufgebessert. Bei allen guten Ansätzen sehe ich jedoch noch keine nachhaltige, systematische Lösung.

Die Welt befindet sich auf vielen Ebenen in einer Umbruchphase. Wie sieht es beim Leistungssport aus?

Scharf: Der deutsche Leistungssport insgesamt steht tatsächlich in einem Systembruch. Weg vom Quantitäts- hin zum Qualitätsmodell. Gerade weil es in den Sportarten nicht mehr zahlreiche Talente pro Altersstufe gibt, müssen  Spitzentrainer*innen heute sehr viel früher eng an Trai-ningsprozessen einzelner Toptalente dran sein und ein gutes Bild von deren langfristigem  Leistungsaufbau haben. Es wird inzwischen viel mehr in Trainerteams  gearbeitet und die Übergabe von Talenten zum nächsten Trainer muss bis ins Detail abgestimmt sein.

..und der Vereinssport?

Scharf: Für den Leistungssport ist es entscheidend, dass an der Basis  möglichst viele Vereine diesen betreiben, die talentierte Kinder entdecken und entwickeln. Dass dort Trainer*innen mit C-,B-,A-Lizenz ausgebildet und nach Möglichkeit fest eingestellt werden. Da gilt es noch Akzente zu setzen. Ein gut  bezahlter Bundestrainer an der Spitze nützt nichts, wenn von unten keine Talente kommen...

Die Olympischen Spiele wurden wegen Corona verschoben, ebenso Meisterschaften und Wettbewerbe. Welche Auswirkungen ergeben sich für unsere Trainer*innen?

Scharf: Sie machen im Moment eine Sinnkrise durch. Wenn es, wie aktuell, kein Wettkampfsystem gibt, fehlen die Ziele, auf die sie systematisch hinarbeiten können. Viele hoffen, dass bald wieder Meisterschaften möglich sind. Niemand kann eine konkrete Prognose stellen, selbst die Olympischen Spiele im nächsten Jahr sind ungewiss. Es ist schwierig, da eine vernünftige Trainingsplanung aufzustellen.

Inwiefern hat die Anfang 2019 übernommene Trägerschaft des LSB für die NRW-Olympiastützpunkte den Trainer*innen etwas gebracht?

Scharf: Sie gehören nun einer Gemeinschaft mit 400 Angestellten an, mit einem Betriebsrat und einer Zusatzversorgung. Soziale Errungenschaften, die sie vorher nicht hatten. Aber wir denken aktuell weiter: Wir wollen in diesem Jahr einen Trainertarif einführen. Der beinhaltet ein Einstiegsgehalt, das sich an dem Berufsabschluss orientiert, aber auch Gehaltssteigerungen. Wenn wir das beim LSB umgesetzt haben, werden wir in Abstimmung mit den  Landesfachverbänden prüfen, ob ein ähnliches Modell auch für die Landestrainer umsetzbar ist.

Wie ordnen Sie die Traineroffensive des LSB ein?

Scharf: Die  Kampagne  fördert  Bewusstsein  und  die  Wertschätzung  der  Trainerschaft, signalisiert in gewisser Weise, dass sie eine Leistungs-Elite sind. Mit einer Wander-Ausstellung, u.a.  im Landtag, wird das Thema verstetigt und im Bewusstsein der  Menschen verankert. Ich halte die Kampagne daher für einen wichtigen ideellen

Weitere Impressionen zur Wander-Ausstellung finden Sie auf der Webseite des Landtags.

Interview: Theo Düttmann
Bild: Andrea Bowinkelmann

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